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Archiv für November 2009:

Gedankenexperiment: Ehrenamtliche Arbeitslosigkeit

Allgemeines, Soziales, 10. November 2009 um 20:41 Uhr, Michael

Die Zeiten sind ganz schön hart. Weltweit müssen Billionen an Staatsgeld aufgewendet werden, um die Wirtschaft und das Finanzsystem am Laufen zu halten. Und das alles nur, weil ein paar habgierige Banker es mit dem Zocken übertrieben haben. Wir sind dadurch in eine Krise geraten, die es so noch nie gegeben hat. Ich sehe in dieser Krise aber auch die Chance, dass wir uns grundlegend mit Problemen unserer Gesellschaft auseinander setzen können. Eines dieser Probleme ist die immer weiter abnehmende Verfügbarkeit von Lohnarbeit.

Wir kennen die Nachrichten alle, dass ein großes Unternehmen x mehrere tausend Stellen streicht. Begründung sind meist irgendwelche Umsatzeinbrüche oder aber einfach nur schlechte Renditen. An solchen Beispielen zeigt sich, dass Lohnarbeit immer entbehrlicher wird. Denn diese Unternehmen produzieren in der Regel weiterhin ihre Güter oder bieten Dienstleistungen an. Auch mit weniger Arbeitern. Auf lange Sicht wird es dazu führen, dass wir zunehmend mehr Arbeitslose in der Gesellschaft haben, die dann das Sozialsystem belasten. So wie in der aktuellen Krise.

Das erste Problem ist, dass unser Sozialsystem, bedingt durch die Krise mit weniger Einnahmen auskommen muss. Das zweite Problem wird die stark zunehmende Arbeitslosigkeit sein, die ihrerseits wieder auf die Kassen des Sozialsystems lasten wird. Die Krise lastet doppelt auf unserem Sozialsystem und durch die von der neuen schwarz-gelben Regierung versprochenen Steuererleichterungen wird es wohl über kurz oder lang zu Einschnitten bei der Absicherung kommen. Ich persönlich glaube nämlich nicht daran, dass schnelles Wachstum zur schnellen Haushaltssanierung führt.

Nun jedenfalls komme ich zu einem Gedankenspiel, bzw. einer Idee, welche ich mit ehrenamtliche Arbeitslosigkeit betiteln möchte. Der Name beschreibt die Idee schon ganz gut, ich will sie hier allerdings weiter ausführen. Angenommen wird bei diesem Gedankenspiel, dass es nicht genügend Lohnarbeit für jeden Arbeitswilligen gibt, sodass eine gewisse Anzahl von Menschen in der (Lohn-)Arbeitslosigkeit verbleiben muss. (Teilweise könnte dieser Zustand heute auch schon existent sein, gesellschaftlich ist diese Erkenntnis allerdings noch nicht angekommen bzw. angenommen worden.) Um diese Menschen aus der Situation zu befreien, schlage ich vor, dass sie ehrenamtlicher Arbeit nachgehen.

Ich glaube, dass so die Zeit überbrückt werden kann, bis wir zu einem neuen Beschäftigungsmodell in der Gesellschaft gefunden haben. Den Menschen wäre insofern geholfen, dass sie einer geregelten Tätigkeit nachgehen können und sich so aus ihrer Untätigkeit befreien können. Durch diese geregelte Beschäftigung könnte zudem das Empfinden der Nutzlosigkeit verschwinden. Dazu ist es jedoch nötig, dass ehrenamtliche Arbeit neben der konventionellen Lohnarbeit als mindestens gleichwertig in der Gesellschaft angesehen wird. Ich sehe diesen Vorschlag gleichzeitig auch als Chance für die Etablierung von zukünftigen Beschäftigungsmodellen. Durch die zunehmende Effizienz in allen wichtigen Wirtschaftsbereichen, wird die menschliche Arbeit zunehmend obsolet. Menschen müssen sich also für die Zukunft eine Ordnung schaffen, in der Sie weiterhin beschäftigt sind und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt erhalten. Die jetzige Form der Koppelung von Beschäftigung und Lebensunterhalt halte ich für überholt, sodass eine neue Form nötig wird. In dieser neuen Form wird die Beschäftigung vom Lebensunterhalt entkoppelt sein müssen, da es einfach nicht genügend Beschäftigung gibt, mit der alle ihren Lebensunterhalt beziehen können. Zugespitzt könnte man sogar sagen, dass es, bedingt durch die zunehmende Entwertung von Lohnarbeit, immer schneller dazu kommt. Wenn Menschen mehreren Beschäftigungen nachgehen müssen um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, dann wird die Beschäftigung in Zukunft immer schneller knapp.

Gefragt sind hier flexible Lösungen, von denen eine dieses Gedankenexperiment sein kann. Wenn Menschen keine Lohnarbeit finden, trotzdem aber arbeiten wollen, wieso soll man sie dann nicht arbeiten lassen. Es macht für die Arbeitsagentur faktisch keinen Unterschied, ob jemand arbeitslos ist und nicht arbeitet und dafür Geld bekommt, oder aber ob jemand als arbeitslos gilt und trotzdem einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgeht. Die Agentur bezahlt in beiden Fällen den Lebensunterhalt. Es bleibt lediglich der Unterschied, dass der ehrenamtliche Arbeitslose etwas sinnvolles tut und so z.B. dem Sozialsystem hilft. Das ist auch ein Punkt, auf den ich zu Beginn hinaus wollte. Solche ehrenamtlichen “Arbeitslosen” könnten das Sozialsystem durch ihre Arbeit entlasten. Die Frage der Bezahlung solcher ehrenamtlicher Arbeit stellt sich erst gar nicht, da all diejenigen, die diese Arbeit verrichten durch ihre Arbeitslosenversicherung abgesichert sind. Es würden folglich keine Mehrkosten entstehen, ausgenommen dem zusätzlichen Verwaltungsaufwand.

Mir ist natürlich klar, dass diese Idee einige Fragen aufwirft, die noch zu klären sind. Da wäre zum Beispiel die essentielle Frage, ab wann jemand keine Lohnarbeit mehr findet, sodass ihm die ehrenamtliche Arbeit offen steht. Oder aber wie es sich mit all denjenigen verhält, die gar nicht Arbeiten wollen. Und die brennenste Frage vielleicht: Ist das alles wirklich so einfach?

Zumindest auf die letzte Frage lässt sich mit einem klaren “Nein!” antworten. Doch ich habe gar nicht den Anspruch, dass dieses Gedankenexperiment von Beginn an stimmig sein muss. Vielmehr sollen diese Überlegungen anregen sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen und die Gedanken weiter auszuführen. Vielleicht kommt am Ende ja ein Vorschlag heraus, der wirklich in die Realität umgesetzt werden kann.

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